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Was die Fehlinterpretation von Nudging mit Pragmatismus verbindet

Ich habe in der FAS einen Artikel von Patrick Bernau gelesen, in dem es um das sogenannte „Nudging“ – also ein kleines motivierendes Anstoßen – geht, um Menschen zu etwas Gutem zu bewegen. Dort resümiert er locker, dass es „Nudging“ sei, wenn der Bankautomat beim Geldabheben die Karte erst dann herausgibt, wenn das Geld entnommen wurde. Was dann aber eigentlich einen Zwang darstellt und damit alles andere als „Nudging“ ist. Soviel zum Missbrauch von Begriffen! Das erinnerte mich aber daran, wie vor vielen Jahren ein Herr vor mir am Parkautomaten am Frankfurter Flughafen seine Karte vergaß. Weil der „Leberwurstbrötchenschmierer“ (Programmierer) „nä(h)mlich“ zu dämlich war, die Herausgabe des bezahlten Tickets so lange zu verweigern, bis der Kunde seine Bank- oder Kreditkarte entnommen hat. Ich habe dem Herrn dann selbstverständlich seine Karte gerettet.

Nun zum Pragmatismus. In den 90er Jahren bin ich des Öfteren geschäftlich in Russland gewesen. Und zwar überwiegend in Moskau und St. Petersburg. Damals – es gab noch keine Mobiltelefone und Kartenzahlungen waren in Russland nur in Ausnahmefällen möglich – schleppte man halt immer Dollar mit sich herum. Um aber immer und überall zahlungsfähig zu sein, musste man sich auch einige Rubel durch Tausch zulegen. Bei meiner Ausreise in St. Petersburg fragte mich die Dame an der Sicherheitskontrolle, ob ich Rubel bei mir hätte. Hatte ich, das waren so Reste in der Höhe von ein paar Dollar. Damals bewahrte ich die ganzen Fremdwährungen einfach auf, um sie bei nächster Gelegenheit wiederzuverwenden. Noch heute bin ich so „spleenig“, dass ich in meiner Aktentasche immer etwa 100+ Dollar und 100 Schweizer Franken bei mir führe – zur Sicherheit sozusagen. Als ich der Dame aufrichtig geantwortet hatte, dass ich ein paar Rubel bei mir führte, erfuhr ich dann von ihr, dass die Ausfuhr der Rubel nicht gestattet sei. Bis heute weiß ich nicht, ob das an dem Tag ein Tages-, ein lokales oder ein tatsächliches Verbot war. Ich hatte damals in Russland einfach so viele völlig schizophrene Sachen erlebt, dass es mir auch völlig wurscht war. Einmal zum Beispiel erwarb ich in einem Kiosk im dritten Stock meines Hotels Bier, die Flasche für 5 Dollar. Der Kiosk war ein freigeräumtes Hotelzimmer, in denen sich in ein paar Sesseln ein paar Mafiosi fläzten. Es standen ein paar Regale und einige Kühlschränke im Raum und man bekam eine Art Speisekarte in die Hand gedrückt, mit den Dingen die man dort erwerben konnte. Als ich am nächsten Abend wieder erschien, um mein Feierabendbier zu kaufen, kostete das auf einmal 6 Dollar statt 5 – also Tagespreise sozusagen! Ein anderes Mal ging ich mit einem Kollegen in ein Etablissement, das im Jahr zuvor noch ein Stripteaselokal gewesen war, nun aber keinen Eintritt mehr verlangte. Wir tranken in der Annahme, es sei eine normale Bar dort ein Bier. Nachdem wir uns ein zweites bestellt hatten, dimmte man plötzlich das Licht, ein Mädchen kam, zog sich lasziv aus und hing dann an der Poledance-Stange. Als es ans bezahlen ging, sollte ich 36 Dollar zahlen. Mein Kollege merkte an, das Bier koste laut Preisliste nur 6 Dollar, also seien 24 Dollar zu zahlen. Der Barmann, 1,95 Meter hoch und muskelbepackt, flankiert von einem anderen russischen Bären, meinte dann, 24 Dollar für das Bier und zweimal 6 Dollar Eintritt für den Striptease. Also auch so eine Methode, den Eintritt verschweigen und dann am Schluss abkassieren. Ich zahlte, verbuchte das Ganze unter Lebenserfahrung und härtete weiter ab. Hier am Flughafen zählte nur eines: Hauptsache, man kommt wieder raus aus dem Land. Also entspann sich nun eine Diskussion, indem ich einfach die Rubel auf den Durchleuchter legte und meinte ich ließe die Rubel dort. Das war der Dame aber auch nicht recht. Verständlich, es hätte ja auch nach Korruption aussehen können. Also spielten wir Pingpong, wie denn das jetzt zu lösen sei. Irgendwann meinte die Dame, ich solle die Rubel wieder einstecken, was ich folgsam tat. Dann fragte sie mich, ob ich Rubel bei mir hätte. Damals noch jung und dämlich sagte ich, das hätte ich doch schon gesagt. Die Dame schaute mich entnervt an und fragte dann noch einmal, ob ich Rubel bei mir führe. Dann kapierte ich es endlich und verneinte. Darauf ließ sie mich erleichtert ziehen.

Vor Jahren saß ich mit einem Vertriebsleiter eines österreichischen Unternehmens beim Essen und beim Bier zusammen und wir erzählten uns so dies und das. Dabei kamen auch die nicht vorhandenen Rubel ins Gespräch. Daraufhin lachte der Mann und begann seine Geschichte zu erzählen. Er ist als Deutscher wegen des genannten Jobs dereinst mit Sack und Pack – Frau, Kinder und Hausstand – nach Österreich gezogen. Er hatte Frau und Kinder mit dem Auto vorgeschickt und fuhr selbst im Möbelwagen mit. Damals gab es ja noch Grenzen, also musste der Möbelwagen über die Grenze. Als man an der Grenze zu Österreich ankam, war es Samstagnacht und der österreichische Zöllner checkte die Papiere für den Umzug gründlich. Dann stellte er die Frage, die nie hätte gestellt werden dürfen. Er fragte, ob an Bord des LKW Zimmerpflanzen seien. Der Vertriebler sagte dann wahrheitsgemäß, da seien natürlich ihre Zimmerpflanzen mit an Bord. Darauf meinte der Zöllner, dass er für die Einfuhr der Pflanzen ein Gutachten von einem Sachverständigen bräuchte. Woher zum Teufel sollte der gute Mann das mitten in der Nacht wohl herbekommen. Die beiden diskutierten dann eine Weile hin und her, bis der Zöllner seinen Pragmatismus und etwas wie Erbarmen fand. Er fragte, ob sich an Bord des LKW Pflanzen befänden. Der Kollege – genauso begriffsstutzig wie ich – meinte dann, er habe das doch schon beantwortet. Und der Zöllner meinte dann genau wie seine russische Kollegin auch, er frage noch ein letztes Mal, ob sich dort Pflanzen an Bord befänden. Darauf begriff der Kollege und verneinte. Und so konnte er dann am nächsten Morgen mit seiner Familie in sein österreichisches Domizil einziehen.

Was lernen wir daraus?

Nicht jeder Beamte ist ein Armleuchter.

Verstand und Verständnis können über Regeln stehen.

Menschlichkeit trifft man häufiger als man denkt.

Categories: 我的金瓶梅

admin

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