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Konfirmation

Am Samstag beim Biergartenbesuch kam das Thema „Konfirmation“ wieder hoch, da unser Sohn sich wohl taufen lassen möchte und meinte, wenigstens das Glaubensbekenntnis hätte ich Ja wohl auswendig gelernt. Falsch, habe ich nicht. Seine Annahme war natürlich logisch, sein Vater ist zwar ein ziemlich beinharter Agnostiker aber er wurde dereinst konfirmiert und da kann er doch wohl auch das evangelische Glaubensbekenntnis und das Vaterunser aufsagen. Gut gedacht, aber eben trotzdem ein Trugschluss. Da er gute Pfarrer Krumnow – wie ich annahmen darf – schon längstens nicht mehr unter uns weilt, kann ich mich heute wohl komplett outen. Mein „coming out“ ist: ich habe mich so etwas von durchgemogelt, es spottet eigentlich jeglicher Beschreibung und wahrscheinlich glaubt mir die Geschichte nur wer mich kennt.

Eines Tages in der Schule in Ostfriesland – das ist ein Landstrich im Norden der Republik, welcher weitgehend frei von Katholiken ist und erst sehr spät überhaupt Christianisiert wurde, da man den guten alten Bonifatius um 755 herum, möglicherweise sogar wegen seines Bekehrungsgesabbels, bei Dokkum (NL) in Friesland , das war da noch alles ein Friesland, erschlagen hat – meinte unser Lehrer wir wären nun ein Jahrgang für die Konfirmation. Dann wollte er wissen, welcher Religion wir angehören. Ich verstand damals nichts von dem was Vorging, aber er fing an abzufragen. Wir saßen in U-Form und ich an der Stirnseite hinten. Die Schüler und Schülerinnen meiner Klasse – so gegen 1972 hin hatte man in Ostfriesland immerhin schon ein paar Schulen auf gemischtes Geschlecht umgestellt – fingen dann an zu antworten: „lutherisch, reformiert, lutherisch usf.“ Ich Begriff gar nichts und als die Reihe an mir war sagte ich einfach: „evangelisch.“ Das Gelächter und dieser ekelhaft mildtätige Lehrerblick ob meiner Blödheit sagten mir dann, dass dies wohl keine so gute Antwort war. Abends beim Abendbrot – Pizza war ja noch weitgehend unbekannt – fragte ich dann meine Eltern, welche Religion wir haben. Zu der Zeit hatten meine Eltern und ich nur wenige gemeinsame Blicke in eine Kirche geworfen. Ich bin meinen Eltern im Prinzip dankbar dafür, dass ich so völlig religionslos aufwachsen durfte – zumindest bis 1972, da war ich zwölf. Die guckten sich an und antworteten: „evangelisch natürlich.“ Aha, natürlich, dachte ich. Dann dachte ich, ob meine Eltern auch so blöd sind wie ich? Ich erzählte dann was in der Schule los war und meine Eltern fingen an zu diskutieren, was denn wohl der Unterschied sei. Nach einigem hin und her, machten die zwei mir deutlich, wir seien lutherisch, evangelisch-lutherisch also. Gut, ich informierte meinen Lehrer und eines Tages sollte ich dann zum Konfirmationsunterricht erscheinen. Das tat ich dann auch. Allerdings ohne wahre Begeisterung. Ich gehöre nun mal einer Generation an, die lieber draußen als drinnen spielte und mieses Wetter macht mir bis heute keine gute Laune. Bemerkenswert ist auch, dass ich ob aller „Unbehütetheit“ in meiner Kindheit – ich war ein Schlüsselkind, meine Mutter arbeitete mit, man könnte auch sagen, sie musste mitarbeiten – so alt geworden bin, wo da draußen vor der Tür es doch so gefährlich ist. Jedenfalls ging ich nun jeden Mittwochnachmittag zu Pastor Krumnow der Paulusgemeinde und lernte – ja was eigentlich – Religion? Ein paar der Geschichten waren ja ganz nett. Aber der Katechismus, so ein komisches Buch in braunem Kartoneinband, das war voll Mist. Ehrlich, ich hasste das Ding. Beten, das Vaterunser natürlich, lernte ich auch aufzusagen. Nur sagte ich es nicht auf, ich fing an in ein rhythmisches Brabbeln zu verfallen und alle glaubten irgendwie sei das das Vaterunser. Nur ich nicht. Ich habe den Text nur einmal wirklich analysiert – ich war mit zwölf schon heftig belesen, da ich heimlich den Bücherschrank meiner Eltern durchlas, nebenher quasi, immer wenn ich nichts mehr zu lesen hatte, bediente ich mich dort – jenes eine Mal hatte aber gereicht den Gehalt für mich deutlich zu verwerfen. Ich lernte es also nicht. Beim Glaubensbekenntnis funktionierte das Brabbeln leider nicht, weil der gute Krumnow das einzeln abrief. Ich fing also an den ersten Satz aufzusagen und immer wenn ich hing, dann half der gutmütige Krumnow mir weiter und ich kam gerade so über die Runden. Wahrscheinlich dachte der Gute ich sei einfach blöd und er wollte doch wohl unbedingt ein Schaf mehr haben. Jedenfalls haben wir den gutmütigen Kerl immer wieder geärgert. Wir waren unwillig, laut, aufmüpfig und frech zu ihm. Dafür schäme ich mich aufrichtig, aber dafür das ich der Sache nichts abgewinnen kann, dafür schäme ich mich nicht.

Die Pointe der Geschichte aber ist, dass ich falsch konfirmiert wurde – das erinnert so ein bisschen an Till Eulenspiegel. Vor der eigentlichen Konfirmation war am Sonntag zuvor die – ich nenne es so – Generalprobe, genannt Prüfung. Man beantwortete irgendeine Frage die der Pastor stellte und das Ding war gelaufen. Ansonsten ein Gottesdienst – „as usual“.  Auf dem Heimweg meinte mein Vater dann zu meiner Mutter, alles an dem Gottesdienst sei ihm unbekannt gewesen. Der Ablauf, die Lieder, alles, außer dass es eine Predigt gab. Also wären wir höchstwahrscheinlich nicht lutherisch, sondern doch wohl reformiert. Na Klasse, soweit ich informiert bin kann man die Konfirmation weder zurückgeben noch umtauschen – leider.

Und ehe ich es vergesse, ich erzählte unserem Sohn auch gleich noch die Geschichte meiner Taufe. Irgendwann habe ich festgestellt, dass meine Eltern erst am Tag meiner Taufe, am 17. April 1960, kirchlich geheiratet haben obwohl ihre standesamtliche Trauung am 19. Mai 1959 war. Nach hartnäckigem Bohren habe ich dann herausbekommen, dass der Pfarrer der Markusgemeinde in Bremen sich geweigert hat mich zu taufen, weil meine Eltern nicht kirchlich getraut wurden. Der Schelm hat meinen Erzeuger einfach gnadenlos erpresst. Dann muss der Alte dann nach langer Zeit wohl klein beigegeben haben. Ich stelle mir gerade genüsslich vor, wie die Familie auf ihn eingewirkt und ihm heftig und wenig subtil zugesetzt hat. So wurden am Ostersonntag 1960 meine Eltern kirchlich getraut und ich dann direkt im Anschluss getauft. Nach erneutem Nachfragen bei meiner Mutter hat diese nun zu allem Überfluss auch noch eingeräumt, dass das Ganze nicht in der Kirche stattfand, sondern völlig unromantisch in der Amtsstube des Pfarrers. So habe ich denn wohl zum Übel der Falschkonfirmation auch noch die Bürde einer wenig feierlichen Taufe in irgendeinem lausigen Hinterzimmer zu tragen.

Ach eines noch. Als unserer Nichte Mareike konfirmiert wurde, war unser Sohn neun Jahre alt. Das war eine Zeit da redete er ununterbrochen davon, dass er konfirmiert werden wolle, aber dazu müsse er getauft werden. Ich machte ihm immer wieder klar – dass ich unabhängig von meiner Einstellung zum Thema – sobald die Zeit gekommen ist, mich darum kümmere, dass das Ganze auf den Weg kommt. Notfalls fahre ich nach Darmstadt zu den Nassauern (ev. Kirche Hessen Nassau), gleichzeitig meine liebste Verballhornung, und kläre das mit einem Zuständigen. Das war meine Einstellung dazu. Dann die Konfirmation von Mareike. Die St. Jakobi Kirche war der Hit. Das Gestühl war für Menschen gemacht die zwischen 1,30 m und 1,56 m Körpergröße maßen. Die Pfarrerin wollte mit dem anderthalbstündigen Gottesdienst in das Guinnessbuch der Rekorde und an der Empore hingen Ölbilder allererster Güte. Da waren Enthauptete Leiber denen das Blut aus dem Korpus spritzte, Gevierteilte, verstümmelte blutende Leiber etc. zu sehen. Ich lästerte leise aber für meine mir Anvertrauten Zwei hörbar über die Bilder ab und wie gut die Christenheit doch ist. Nach der anderthalbstündigen Folterung auf dem Gestühl verließen wir die Kirche. Zuvor hatte ich noch zwanzig Mark – volle zwanzig Mark – in den durch die Reihen gehenden Klingelbeutel geworfen. Beim hinausgehen kam dann noch mal einer mit dem Klingelbeutel vor meine Nase und ich rastete aus. Meine Frau musste mich aus der Kirche zerren, weil ich so sauer ob dieser Dreistigkeit war, dass ich mir meine zwanzig Mark zurückholen wollte, weil die die absolut nicht verdient hatten – diese feinen Christen. Kurz und knapp, nach dem Besuch dieses Konfirmationsgottesdienstes hatte unser Sohn das Wort Konfirmation komplett aus seinem Wortschatz gestrichen. Es kam nie wieder über seine Lippen, ehe er weitestgehend auf eigenen Füßen stand.

„You pay for this, but they give you that
and once you’re gone, you can’t come back“

 – Neil Young, Rockmusiker –

Categories: 我的金瓶梅

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