Dass ich auf die Frage eines Nachbarn meines geliebten Opas, was ich einmal werden möchte, antwortete: „Rentner“, habe ich schon mal irgendwo aufgeschrieben. Nun ist es allerdings soweit. In nunmehr nur noch zwei Tagen trete ich in den sogenannten Ruhestand. Meint, ich habe meine Regelalterszeit erreicht. Das sind für 1960 geborene schlappe 66 ½ Jahre. Logischerweise habe ich das kommen sehen, aber immer auch geflissentliche ignoriert. Da wir in Hofheim eine kostenfreie Rentenberatungsstelle haben, der Mann sitzt in einem am Marktplatz ansässigen Lokal und trinkt dort Bier, hat eine durchdringende Stimme und kennt sich aus. Meist, wenn er sich dort mit Bekannten oder Unbekannten unterhält, geht es um das Thema Rente. Und man muss es neidlos anerkennen, der Mann kennt sich wirklich aus, zumindest insofern ich das beurteilen kann. Vor ca. 2½ Jahren – Gemini teilt mir gerade mit 2½ sei schöner als 2 ½, aber 2 ½ sei auch Okay, es lebe die KI – schnappte ich dabei auf, dass die Altersregelzeit für mich 66 Jahre plus vier Monate ist. Somit wusste ich Anfang des Jahres also wann es soweit sein würde. Anfang des Jahres brütete das Thema dann immer mehr in mir, es war mir klar, dass ich Handeln muss. Da wir dem Multiversum sei Dank das Internet haben, checkte ich schonmal so ein paar Sachen im Voraus. Im März machte ich mir dann einen Termin bei der Rentenberatung in Wiesbaden. Ich schlug da auf und wurde irgendwann aufgerufen. Ein netter junger Mann ging mit mir anhand seiner Software alle relevanten Punkte durch und am Ende beantragte ich also die Rente zu 100 % ab dem 1. August 2026. Eigentlich sollte ich mich doch freuen. Falls ich nicht heute oder morgen noch sterbe, hätte ich mein Ziel von damals – ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein und hatte mit meiner Antwort ein ziemliches Gelächter ausgelöst – voll erreicht.
Immer wenn in der Vergangenheit das Thema Rente oder Ruhestand – nennt es wie ihr wollt, es ist so ein bisschen wie arbeitslos mit Bezügen – aufkam, hatte ich das beunruhigende Gefühl, dass ich doch noch gut arbeiten kann. Vor Jahren schon hatte ich beschlossen, falls meine Gesundheit es zulässt, weiterhin zu arbeiten, und zwar voll, nicht Teilzeit oder so. Jetzt zwei Tage vor Ultimo ist das auch noch so. Im September habe ich einen Termin bei meiner Rheumatologin um über eine Therapieänderung zu sprechen. Mit der derzeitigen Therapie bin ich vollständig arbeitsfähig, wozu also soll ich den Bettel hinschmeißen? Mein Opa hat bis siebzig voll und bis zweiundsiebzig halbtags gearbeitet. Danach hat er noch jahrelang Urlaubsvertretung gemacht. Mein Opa war Bäcker, vulgo nicht so ein Sesselfurzer wie sein Enkel. Das Wort Jammern kam in seinem Wortschatz praktisch gar nicht vor. Selbst die sechs Jahre als Soldat im Krieg hatte er abgehakt, ohne sich über die verschwendete Lebenszeit zu echauffieren. Natürlich habe ich mir ein Datum gesetzt, an dem ich dann spätestens wirklich nichts mehr machen will. Ob ich das erreiche, hängt von wirtschaftlichen Faktoren des Unternehmens, meiner Lebenserwartung, sowie von meiner Gesundheit ab. Das Datum ist in meinem Kalender eingetragen, in der Hoffnung ich packe das. Sehen kann nur ich es. Es sei verraten es liegt in einem März – dem Monat in dem ich geboren wurde. Freude kommt wie erwähnt nicht auf. Einzig die Kohle, verbunden mit den zwei Riesen steuerfrei welche die „Debilanten“ aus Berlin uns Rentnern schenken, ist attraktiv. Wie viel Freude sie mir machen wird, das ist wohl die große Frage.
Ich habe mir überlegt, dass ich zum Übertritt morgen Abend nach Feierabend symbolisch einen Hammer fallen lassen könnte. Nur so um zu zeigen, dass die Pflicht (Pflicht bitte so ausgesprochen wie Helmut Schmidt das Wort aussprach) herum ist und ab jetzt alles nur noch Kür ist.
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