Ich war zur Blutentnahme bei meiner Rheumatologin. Also nicht bei ihr, dazu gibt es eindeutig zu viele Patienten je Arzt (Ärztinnen schließt diese Aussage ausdrücklich ein ihr „Genderschwachmaten“), sondern beim Laborpersonal. Ausnahmsweise war kein Stau nach Frankfurt hinein, den Ferien sei Dank. Abgesehen von ein paar Fahrern, welche Probleme mit Regeln bezüglich der erlaubten Geschwindigkeit haben, konnte man bequem nach Sachsenhausen hineinrollen. Dafür war dann Stau vor dem Labor. Das Ganze fing schon mit Stau an der Anmeldung an. Ich gehe zu den Endokrinologen im vierten Stockwerk immer in den fünften Stock hinauf und dann ein Stockwerk wieder hinunter. Das ist so eine Art Fitness-Check für mich und sehr wichtig um zu wissen, ob bei mir die Beine gut durchblutet sind. Früher war im 5. Stock Pro Familia untergebracht. Da standen dann des Morgens um Achte die Sünderinnen vor der Tür und fragten sich was ich denn angestellt hätte, da aufzuschlagen. Ich musste mir trotz der durchaus ernsten Thematik für die Damen immer ein Lachen verkneifen. Ich kam also in die Praxis herein und stellte mich als Dritter an. Mir wurde sehr schnell klar, dass der Patient-Patient vorn in der Reihe, einer jener Patienten ist, welcher immer noch ein paar überflüssige Dinge klären und ein paar unsinnige Fragen stellen muss, bevor er sich bei Onkel oder der Tante Doktor vor die Tür setzten kann. Da ich ein großer Freund von „Nutze den Tag“ bin, ging ich erst einmal pinkeln. Als ich zurückkam, war der Patient-Patient immer noch mit Rückfragen beschäftigt und ich nun der Fünfte in der Reihe. Als der Patient-Patient dann endlich von der Rezeptionistin niedergerungen war, ging es dann aber flott. Ich erhielt nach dem Ausfüllen und der Rückgabe meines Quartalsfragebogens, dann die Auskunft, ich müsse zwecks Labor in das Nebengebäude in den ersten Stock. Dort angekommen saßen im Wartebereich zwei Damen. Ich grüßte und setzte mich hin. Während ich dann die „Blöd“ und die FAZ online durchgeblättert hatte, war der Wartebereich deutlich gefüllt. Ich begann dann im Tolino meine „Völkerwanderung“ weiterzulesen. Dann wurde es langsam immer voller. Irgendwann blickte ich auf und die zwölf Stühle waren voll besetzt, weitere 3 Personen standen im Gang. Kein Stau auf der Straße, dafür aber vor dem Labor. Irgendwo ist halt immer Stau. Nach 30 Minuten war ich dann als Dritter dran, was auch die Staulänge erklärt.
Nun wollte sich eine junge Dame mit Kopftuch und deutschem Nachnamen an meine Venen heranmachen. Wie man sich als Frau freiwillig so ein dämliches Kopftuch aufsetzen kann, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Als alter Religionsverächter ist es für mich besonders hart mit diesem Symbol leben zu müssen. Als Diktator wäre das eines der ersten Dinge die ich unter erhebliche Geldstrafe stellen würde. Nun aber kam die Challenge für die junge Dame, denn meine Venen liegen tief. Was im Urwald ein Überlebensvorteil wäre, ist zur Blutabgabe eher lästig. Während die Dame dann einen Versuch an einer Stelle wagte, an welcher ich die Erfolgsaussichten eher mager einschätzte, sah ich auf ihrem Namensschild, das sie keine gelernte MTA, sondern eine Medizinstudentin ist. Die Arme tat mir leid, da bekommt sie gleich so einen Pflegefall wie mich präsentiert und soll dem Blut entnehmen. Logischerweise ist sie komplett gescheitert und ihr Kollege im Raum hat dann übernommen. Ich habe die Arme dann damit getröstet, dass da schon ganz andere an meinen Venen gescheitert seien. Jedenfalls habe ich dann mit dem Assistenten herumgeflachst, dass ich doch angesichts der immerhin 10 Röhrchen die entnommen werden, eigentlich ein Käsebrötchen bekommen müsste. Der meinte nur, das sei deutlich weniger als ich denke und ich solle doch mal schätzen. Ich schätzte 50 ml und er kam bei 35 raus. Wie man sich täuschen kann. Aber für einen Laien waren die 50 ml auch nicht allzu schlecht. Dabei kam mir in den Sinn, dass die moderne Medizin schon etwas für sich hat. Wenn ich mich an einem Krankenhausaufenthalt meinerseits in den sechziger Jahren erinnere, bei dem ich 10 Tage zur Beobachtung in der Klinik verbleiben musste, der absolute Horror. Bei mir war eine Herzhälfte größer als die andere und der Hausarzt – Landarzt trifft es wohl besser, der hauste in einem reetgedeckten Haus am Stadtrand von Bremen – wollte das untersucht haben. Die sperrten mich in der Klinik sodann mit zwei Bettnässern in ein Zimmer und wir mussten absolute Bettruhe halten. Die evangelischen Pinguine die als Aufseherinnen fungierten passten da schon ordentlich auf. Also langweilten wir uns durch den Tag. Dem Multiversum sei Dank las ich schon immer gerne und viel, was mir zu überleben half. Ganze zwei oder dreimal wurde ich abgeholt und in einem Rollstuhl zu Untersuchungen gefahren. Einmal zum Röntgen und die anderen Male zur Leichenvorschau. Fazit war dann, das verwächst sich. Keine Ahnung, ob das stimmt oder stimmte. Ich lebe noch, mein Kardiologe meckert nicht, soweit so gut. Jedenfalls war in dem Krankenhaus die Besuchszeit des Sonntags zwischen 15 und 16 Uhr. Meine Eltern durften mich nur abwechselnd sehen, da immer ein Teil auf meine kleine Schwester aufpassen musste, die mich nicht sehen durfte – keine Kinder bei den Kranken – und überhaupt nicht verstand, dass sie ihren großen Bruder nicht sehen durfte. Das waren echt Verhältnisse wie im alten Rom. Jedenfalls hatte die ganze Aktion nur einen einzigen Vorteil. Wenn ein Kind unter 10 Jahren seine Eltern nur einmal für eine Stunde sehen darf und ansonsten eine ganze Woche lang in einer fremden Umgebung überleben muss, dann ist Heimweh für dieses Kind für immer nicht mehr vorstellbar.
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