Menu Home

Abitur

Hab ich auch gemacht. Nach meiner Lehre. Warum danach? Vor meiner Lehre wollte man mich nicht, heißt ich wollte ein Wirtschaftsabitur machen. Gott sei es gedankt, daß die BBS I in Emden mich ablehnte. Sonst hätte ich wohl möglich noch meinen Lehrer von der Berufsschule bekommen, der mich so besonders gut leiden konnte. Der gute Westermann hat so ca. 3 Jahre lang versucht mich abzusägen. Sah aus wie Heinz Rühmann, war auch nur ungefähr so groß, hatte aber keine menschliche Seite. Ich weiß ja nicht warum Menschen so werden wie dieser, aber aus meiner heutigen, immer noch nicht erwachsenen Sicht, tun sie mir eher leid, obwohl ich ihn natürlich immer noch verabscheue.

Kurz und klein, heute bin ich froh, daß man mich nicht wollte. Irgendwann während meiner Lehre, die ich so vorzüglich genoß, beschloß ich ein technisches Abitur zu machen. Also ging ich hin, zur BBS II in Emden. Ich landete beim Tutor der Oberstufe. Dem erzählte ich ca. 5 Minuten lang mein Leid und was glauben Sie was er zu mir sagte? Genau, „reichen Sie Ihre Unterlagen ein, hier ist der Aufnahmeantrag“. Also reichte ich ein und man nahm mich. Dieser Lehrer mit dem ich mich unterhalten hatte, er hatte mir nicht nur zugehört, er hatte mich verstanden. Der Mann hatte begriffen, daß ein Chaot vor ihm saß, aber er hat trotzdem an diesen Chaoten geglaubt. Ich habe ihn nicht enttäuscht. Ich habe einfach mein Abitur mit 2,7 gemacht und fertig. 2,7 ist nicht doll? Ja, das stimmt, aber ich habe mich auch nicht so irre krumm gelegt dafür. Die 2,7 stellen ein perfektes Aufwands-/Nutzenverhältnis dar. Ich glaube eben das es im Leben auf Effektivität ankommen sollte und nicht darauf 150 % zu erreichen.

Die Zeit bis zum Abi war eine der schönsten in meinem Leben. Denken Sie daran, ich war 19 als ich mit der 11. Klasse begann. Wir waren fast alle älter als ein normaler Gymnasiast, heißt einer mit normalem Durchlauf von Klasse fünf bis 13. Wir hatten alles außer Geld. Bafög gab´s für uns elternunabhängig, also darbten wir nicht, konnten aber natürlich auch keine großen Sprünge machen. Wir hatten Mädchen, wir soffen auch mal zuviel und unsere Entschuldigungen schrieben wir selbst. Zahnweh, Kopfschmerz, Magenschmerzen und Liebeskummer gaben wir als Gründe an. Sie glauben mir nicht? Ich bin ein wahrheitsliebender Mensch, es stimmt. Unsere Vorgängerelf hatte in einem Kunstkurs „Drucken“ einen Entschuldigungszettel zum ankreuzen hergestellt und da war auch Liebeskummer drauf. Manchmal kreuzte jemand das halt an. Das ging auch so lange gut bis es einer von uns an einer anderen Schule als der unsrigen tat. Sie müssen wissen, die vier Gymnasien in Emden hatten weise beschlossen, daß im Kurssystem jeder an jeder Schule Kurse belegen kann, wie er will. Also beschlossen einige Herren Kurse an dem sogenannten Mädchengymnasium zu belegen; lechz. Das war selbstverständlich kein Mädchengymnasium mehr, aber da die Abschaffung der Geschlechtertrennung in Ostfriesland bis spät in die siebziger Jahre ging, hatte sich der Begriff bis in die Achtziger gehalten. Also einer unserer Kameraden kreuzte Liebeskummer an. Dies war insofern ein doppelter Frevel, da erstens der Ankreuzzettel dort unbekannt war und zweitens: Liebeskummer? Also rief der Rektor  des Mädchengymnasiums wutentbrannt jenen Oberstufenkoordinator der BBS II an. Und? Er landete beim falschen. Wieso? Weil der besagte derjenige war, der den Kunstkurs „Drucken“ gegeben hatte. Ich weiß heute nicht mehr ob wir darüber wochenlang oder monatelang gelacht und Witze gemacht haben. Ach, war das schön.

Die Schule, diese BBS II, das bedeutet Berufsbildende Schule zwei, war anfangs mitten in der Stadt, 2,7 Minuten Fußweg zu Tschibo. Altes Schulgebäude, wie zu zehnten oder hunderten in Deutschland gebaut. Hohes schlankes Gebäude und auf einer Seite Treppen in einem Glasrund, hat man sicher schon gesehen. Dann baute man uns eine neue Schule: modernster Bau mit Wehrgängen und so, ein Riesenklotz. Wir tauften diese Schule liebevoll „Alcatraz“. Man konnte wirklich glauben, mit all den Gängen und Abgängen es sei ein Knast. Trotzdem fühlten wir uns nach einer Weile ganz wohl und machten unser Abitur.

Das schönste waren immer die Off´s, die wir uns nahmen.

Morgens erste Pause, einer sagt, „gleich Franz, Bock?“

Die Antwort kam prompt: „Nee, nich wirklich“!

Gegenfrage:“ Skat?“

Antwort: „Ja, wo?“

So sammelten wir unseren Kram ein und machten uns vom Acker, mal gingen wir auf meine Bude, ich hatte so ein 36 m²-Wohnklo mit Kochnische, oder zu meinem Kumpel Gerrit. Gerrit´s Bude war größer, da sie direkt am Bahndamm lag zahlte er das gleiche wie ich. Einer mußte dann los, Bier kaufen und Lebensmittel, weil es wurde ja, wenn der Hunger kam, auch gekocht, meistens Spaghetti. So ging der Tag dann mit einem schönen Brand zu Ende. Manchmal rückten wir gegen Abend noch mal aus, auf der Suche nach etwas was man stechen könnte. War das schön.

Absoluter Grund an der Schule das Feld zu räumen waren Filme mit Marius Müller-Westernhagen, wenn diese vormittags kamen. Da wurde dann auch nicht nur einfach Bier gekauft, nein, Faßbier! Herrlich die Filme, wir waren Westernhagen Fans. Das bin ich heute noch, meine Frau auch. Wir die wir keine harten Konzertgänger sind, heute gehen wir chic und aufgetakelt in die Oper, gehen zu Westernhagen ins Frankfurter Waldstadion und lassen die Hölle mit erbeben. Gehen Sie zu Westernhagen in ein Open Air Konzert, anschließend gehen sie nach hause und schmeißen Sie endlich ihre Rolling Stones Platten und/oder CD´s weg.

Categories: 我的金瓶梅

admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.