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Easy Rider oder wenn meine bösen Witze Wahrheit werden

Nein, ich meine nicht den Film. Obwohl der kultig gut war, die zwei Kiffer malen erst alle anderen an und dann gehen sie doch noch drauf. Ich meine mit „Easy Rider“ ein Stoffgestell mit Tasche für ein Gesäß, in welches man seinen Säugling so reinstecken kann, dass man ihn vor Brust trägt. Jaja, ich weiß, ich bin ein Körner fressender, langhaariger Öko und wähle nur deshalb grün, weil die Kommunisten es nie in den Bundestag schaffen würden. So ein Ding haben meine Frau und ich vor der Geburt für unseren Sohn, bzw. Mädchen – wir wusssten ja nicht was, wir fühlten es nur – gekauft, „Second Hand“ natürlich. Wir kauften das Ding um ihn da rein zu zwängen und vor der Brust her zu tragen. Einen Kinderwagen hatten wir auch, den hatte man uns geschenkt. Ich habe ganze zweimal in meinem Leben meinen Sohn im Kinderwagen geschoben. Einmal war Wahl, und ich habe natürlich weit links gewählt, wie sich das für gehörte – gell Herr Schwarzstoiber? An das zweite Mal kann ich mich schon nicht mehr erinnern, weiß aber das es stattfand.

Worauf ich eigentlich hinaus will? Die Frage ist gut. Ich fand den Easy Rider große Klasse. Unser Sohn brüllte nicht wie die meisten anderen Bälger in ihrem Kinderkäfigwagen herum, die Alten sich schon peinlichst berührt umsehend. Haben Sie schon mal Männer beobachtet, die ihr Balg im Kinderwagen vor sich herschieben. Die sind meist alle frustriert. Sie blicken sich ängstlich um, wie die Leute wohl gucken. Wenn das arme, einsame und verlassene Kind im Kinderwagen dann auch noch schreit, brüllt und das ja eigentlich ganz zurecht, dann sind die fertig mit ihren Nerven. Wir sollten vielleicht auch noch darüber nachdenken, dass ein Mann der einen Kinderwagen schiebt, seiner Umwelt unmißverständlich mitteilt: „ja, sie hat mich an die Kette gelegt!“

Mein Sohn hat in seinem „Easy Rider“ nicht geschrien, nur manchmal ein wenig vor sich hingegrunzt, nur dann hatte er meist Hunger. Er war mit diesem Ding so ziemlich von Anfang an mit dabei, auf dem Fahrrad zum Einkaufen, oder sonst wo hin. Der hörte entweder immer den Herzschlag seiner Mutter oder seines Vaters und das hat ihn offensichtlich beruhigt. Wenn ich mir vorstelle, ich liege bei vollem Bewusstsein im Kinderwagen und meine Eltern schieben mich über den Wochenmarkt, dann kommt Frau Nachbarin Suurbier und brüllt in meinen Kinderkäfig:

„„Na Du, hutti tutti.“ Und frei nach Brösels Werner:

„Ei wo isser denn, der kleine Schlingel?“

Woher will die blöde Kuh denn wissen, ob ich ein Schlingel bin, hyper-intelligent oder total zurückgeblieben? Allein die Vorstellung erzeugt bei mir einen extremen Brechreiz. Zu deutsch: ich finde Kinderwagen gotterbärmlich. Till, mein Sohn, solltest Du durch den „Easy Rider“ einen Schaden davon getragen haben, so bitte ich Dich hiermit in aller Form um Verzeihung. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, dass ich trotz 41 Lenzen heute noch kein Interesse habe, etwas zu machen, nur weil es alle machen.

Noch eines möchte ich hier anführen, diesmal nicht gegen Kinderwagen gerichtet, sondern gegen unsere arrogante und rücksichtslose Ellbogen-Gesellschaft. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass ich in der Straßenbahn für Schwerbehinderte (also damals auch noch Kriegsversehrte), alte Menschen, schwangere Frauen und Menschen mit Kinderwagen aufzustehen habe. Ich gebe zu, dass ich das damals auch manchmal gehasst habe, aber ich tue es heute gerne und werde es auch weiterhin tun, egal für wie bescheuert mich die anderen Idioten um mich herum auch halten und sich über mich totlachen mögen. Beispiele? Sie brauchen Beispiele? Ich bin am Frankfurter Flughafen aus dem Flugzeug ausgestiegen, bin mit als einer der ersten in den Flughafenbus gesprungen und habe mich direkt bei der Tür auf einen freien Sitz gesetzt. Als der Bus so richtig schön voll war, kam eine Frau mit Kinderwagen. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass einer von diesen „Yuppies“ (wieder 2 % potentielle Leser weg!) oder diesen Möchtegernmanagern und „Bankchefsindenarschkriechern“ seinen Hintern bewegt hat um der Frau in den Bus zu helfen, ihr einen Sitzplatz zu beschaffen und sich über ihr „Dankeschön“ einfach nur zu freuen? Vergessen sie das. Jetzt das unvermeidliche Eigenlob: ich habe es getan. Bin raus, hab ihr mit dem Kiwa (kommt von Kita=Kindertagesstätte)  in den Bus geholfen, ihr meinen Sitzplatz überlassen, und das war es. Einfach, schnell und billig, unschlagbar billig, es kostet nämlich kein Geld.

Achten sie mal darauf, wenn eine junge Familie, die ja angeblich unsere größte gesellschaftliche Wertschätzung bekommen sollte, mit einem Balg an der Hand und dem anderen im Kiwa durch die Einkaufszone schleicht, weil niemand, aber absolut niemand, mal Rücksicht nimmt und die durchlässt. So jetzt sind wir wieder beim Kiwa. Die Hersteller von den Dingern sind aber auch völlig plem plem, denn die gerade erwähnte Familie schiebt ja eigentlich keinen Kiwa durch die Einkaufspassage. Die völlig wahnsinnig gewordenen Hersteller bauen die Dinger ja mittlerweile mit Abmessungen, dass man glaubt da rollt ein FIAT 500 auf einen zu. Neulich habe ich solches Monstrum im Main-Taunus-Zentrum gesehen und zu meiner Frau gesagt: „guck mal, die haben tatsächlich Winterreifen aufgezogen.“ Ich bleibe dabei: Kinderwagen sind Mist.

Ich erspare mir jetzt weitere Kommentare und füge nur den Zeitungsausschnitt ein.

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FAZ, Sommer 2007 – No comment

Categories: 我的金瓶梅

admin

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