Menu Home

Gedankenlose Professoren

Gab es auch. Wir hatten so einen und der hieß auch noch ausgerechnet Einfeld. Logisch hieß der bei uns nur Einstein, mal ehrlich, so hätten Sie den doch auch genannt. Der Mann war mehr oder weniger quadratisch gebaut – heißt: hoch wie breit. Ein dynamisches Kraftpaket, dass jedem Elektron zur Ehre gereicht hätte. In dem Moment in den man ihn wahrnahm, war er auch schon wieder zu seiner nächsten Baustelle verschwunden. Der hat Vorlesungen gemacht, da traute sich einer zu fragen, ob die Indizes die er angeschrieben hatte nun 1;2 oder 2;1 hießen. Darauf antwortete der absolut cool:

„das ist doch völlig egal! Rechnen Sie es nach.“

Aber es war nicht egal. Um die Sache zu verstehen, musste man die Indizes lesen können. Das interessierte ihn aber überhaupt nicht.

Nach dem mein Freund Heiko und ich in Elektrotechnik I und II bei ihm durchgefallen waren, er zu allem auch noch trotz massiver Vorkenntnisse, fasste ich frustriert einen Entschluss. In der Zeit, in der er meinen Kommilitonen sein Chaos an die Tafel zauberte, saß ich in der Bibliothek gegenüber und beackerte mit diversen Lehrbüchern auf dem Tisch, genau den Stoff den er in der letzten Vorlesung behandelt hatte. Das trieb ich über ungefähr 3 Wochen hinweg, dann kam Heiko dazu und später bekamen wir noch mehr Zulauf. Wenn uns der Frust ob des Stoffes packte, dann sahen wir einfach aus dem Fenster in den Vorlesungsraum gegenüber und amüsierten uns darüber, wie der gute Einstein vor der Tafel während seines Geschmieres südamerikanische Regenbeschwörungstänze aufführte.

Die Krönung mit dem gedankenlosen Einstein, aber sonst war der Mann okay, hatte ich dann als ich im höheren Semester die physikalischen Praktika für Chemietechnik-Studenten betreute. Da war so ein bescheuerter Schwingungsversuch. Die Apparatur funktionierte so schlecht, dass man/Frau faktisch nur durch mogeln die richtigen Messergebnisse erhalten konnte. Um den Versuch allerdings erklären zu können, musste der Chemiemensch im vierten Semester sein. Die waren aber alle erst im zweiten. Also kommt der Einstein zu zwei solchen armen Studentenschweinen und fragt die, ob sie den Versuch erklären könnten. Die fingen dann natürlich an da herum zu drucksen. Und der Einfeld, der dachte nicht nach, hat die fertiggemacht, mit Differentialgleichungen zweiter Ordnung, die wurden richtig bleich. Danach habe ich ihn dann beiseite genommen und bequatscht, dass er die armen Hunde nicht aus dem Praktika hinauswirft. Sonst hätten die ein ganzes Jahr eingebüßt. Der Mann war gar nicht so, wie die beiden Studenten dachten, der dachte sich nur einfach nicht in die Situation hinein, sondern schwebte weiter in seinen Sphären – wovon auch immer diese gerade handelten.

Was ich damit sagen will? Der gute Einfeld zog sich teilweise den Hass der Studenten zu, obwohl er gar nicht böse oder nachtragend war – sondern einfach nur gedankenlos und das sind wir doch alle einmal.

Categories: 我的金瓶梅

admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.