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SA-Führer

Den hätte ich doch beinahe völlig vergessen; den SA-Führer. Schlimm so etwas, ich glaube mein Gedächtnis lässt nach. Wie die meisten Menschen auch, habe ich zwei Großväter. Von dem einen habe ich ja berichtet. Der andere ist eigentlich gar nicht mein Großvater, genetisch gesehen zumindest nicht. Meine Oma war eine ganz Wilde, die wurde nämlich nach dem Krieg geschieden (mit zwei Töchtern) und hat dann mit diesem neuen Großvater, um den es hier geht, ein paar Jahre in wilder Ehe gelebt. Ganz schön kess für kurz nach dem Krieg, oder? Na, jedenfalls hat der Großvater, Viktor heißt er, irgendwann meine Oma geheiratet und noch einen Sohn mit ihr gezeugt. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, habe ich meinem Großvater gesagt was ich von ihm halte, und das hat mir die ganze Familie übelgenommen. Ich sagte ihm, dass ich ihn für einen alten übriggebliebenen Nazi halte, der nichts dazu gelernt hat und der mir gestohlen bleiben könnte. Die ganze Familie wusste das ich recht hatte, aber nahm mir die Nummer trotzdem sehr übel.

Wie recht ich hatte, musste mein Vater in ganzer Konsequenz dann durchmachen, als der gute Viktor vor knapp zwei Jahren in ein Altenheim zog; 92 Jahre war er da, solche Leute werden komischer Weise uralt. Der gute Viktor also ab und mein Vater den ganzen Ramsch am Halse, heißt Wohnung auflösen und Keller ausräumen. Mein Erzeuger, gutmütig wie er ist – meiner Mutter zuliebe – hat also da noch gestrichen und die Wohnung dann weitervermietet. Jetzt kommt‘s aber: beim Aufräumen im Keller, kam es wie es bei einem Altnazi kommen musste, mein Vater fand sie, die Walther. Fein in Ölpapier eingewickelt und wenn man Patronen dazu gehabt hätte, wäre das Ding voll schussbereit gewesen. Mein Vater, er hat zwar gedient, hat mit Waffen im Haus aber Gott sei Dank keinen Vertrag, hatte jetzt diesen „Ballermann“ am Hals. Ich sagte zu ihm:

„fahr doch einfach zum nächsten Polizeirevier, marschiere rein und leg denen das Ding auf Tisch, fertig ab!“

Meinem Vater war das zu stressig, der wollte den dann kommenden Ärger nicht. Die Polizei hat Glück gehabt, dass er die „Wumme“ am Bein hatte und nicht ich. Das wäre mir ein Heidenvergnügen gewesen, die grünen die jetzt wieder blau sind über ihren Vorschriften schwitzen zu sehen. Oder gar die Vorstellung, die hätten mich wegen illegalem Waffenbesitz angeklagt – das wäre mein „Brüller“ geworden, den Staatsanwalt, den hätte ich einfach nur ausgelacht. Na ja, mein Vater kennt in Emden wirklich Hinz und Kunz, also fragte er einen Kripobeamten, den er kennt, was zu tun sei. Der sagte ihm dann, er solle das Ding kurzerhand anonym zur Kripo schicken, was mein Vater auch tat. Schade eigentlich, zu schade… Da hatte doch der alte Nazi genau das gemacht, was wir immer für einen schlechten Witz aus einem schlechten Film halten. Muss was daran sein an diesen „Werwolfstories“ die man uns immer aufgetischt hat. Unser Viktor als Werwolf, dass ist der beste Witz des letzten Jahrhunderts.

Über seine Kriegs- und Nazikarriere hatte der gute Viktor so lange ich ihn bewusst kenne, so viel dünnen Schiss geredet, dass in der ganzen Familie ohnehin keiner durchblickte. Wir vermuten, dass der alte Sack erst in „Schlicktown“ (Wilhelmshaven) einen guten Druckposten bei der Marine hatte. Der muss da was mit Logistik zu tun gehabt haben. Wahrscheinlich haben sie ihn irgendwann beim verschieben irgendwelcher Sachen erwischt und dann nach Russland strafversetzt. In Russland behauptet er immer, dass er im Kessel von Demiansk gewesen sei. Das kann aber nicht sein, weil ich kenne jemanden, der da war und die Überlebenden habe alle einen extra Orden für den Kessel bekommen und den hat er nicht. Kurz und klein, scheint der Mann ein echter „Überlebensnazi“ gewesen zu sein. Nach einigen Informationen die ich über viele Jahre immer so aufgeschnappt habe, muss der kleine Drecksack (1,57 m groß nur) nach dem Krieg in amerikanischer Gefangenschaft gesessen haben, zwecks Entnazifizierung. Da das ja nun nicht immer so einfach von statten ging, saß er da nun irgendwo bei oder in Bremen. Seine Akten waren aber in Schleswig-Holstein bei den Engländern. Angeblich, ich sage vorsichtshalber angeblich, ist der dann bei den Amis getürmt, ist nach Schleswig-Holstein abgehauen, hat dort mit einem Mädel von irgendeinem Amt angebandelt, hat seine Akte geklaut und vernichtet. Wenn das stimmt, dann ist das ein ganz übler Finger gewesen, oder? Dann ist der Sack zurück nach Bremen, hat sich da einfangen lassen, und gemütlich auf seine Entnazifizierung gewartet, die er dann auch irgendwann bekam.

Mein Vater hat nun beim Aufräumen im Keller endlich die Originalurkunde der Kinder aus der ersten Ehe meines Großvaters gefunden. Na, was glauben Sie stand da 1936 oder 1938 als Berufsbezeichnung drin? Genau: der … und dem SA-Führer Viktor Dahm! Also doch, nach all den konfusen Geschichten, die der immer über den Krieg erzählte, er sei bei der SS gewesen, woraufhin mein Vater irgendwann sagte: „du bei der SS, du bist doch viel zu kurz, dich hätten die da nie genommen“, wissen wir jetzt endlich Bescheid. Da ich ja mein altes Lästermaul nicht halten kann, viel meine Begrüßung letzten Oktober am Geburtstag meiner Mutter dann für die Familie wieder mal katastrophal aus. Ich begrüßte den alten, der im Sessel saß mit:

„Na du alter SA-Führer? Wie geht’s dir?“

Die ganze anwesende Familie hielt den Atem an, einige schoben schon die Augenbrauen nach oben, eine Person sah mich schon etwas giftig an, aber dann kam es. Der Alte lachte, aber nicht nur das Gesicht, auch die Augen lachten mit. Der war stolz drauf so begrüßt zu werden, richtig stolz. Wahrscheinlich empfand er das als eine Art Anerkennung. Erst war ich geschockt, aber später dachte ich dann:

„vielleicht ist es gut so, wenigstens leugnet er es nicht, warum auch!“

Solche sollten uns die liebsten sein von all den alten Nazis, jene die leugnen, sollten wir verachten.

Categories: 我的金瓶梅

admin

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