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Was Japan mit Reklamationen verbindet

Eigentlich gibt es keinen Anlass die nun folgende Geschichte aufzuschreiben, deshalb tue ich es einfach nur so. Oder trotzdem?
Eine meiner ersten internationalen Reisen, nachdem ich den Job von meinem Vorgänger Willi Greife bei Sonnenschein übernommen hatte, führte mich nach Japan. Ausgerechnet könnte man sagen. Ich fuhr, besser gesagt flog, nach Tokio und die einzige Information die ich hatte war, dass mich ein gewisser Takahashi am Flughafen Narita abholen würde. Eines steht fest, kein normaler Mensch würde heute noch so losfahren, bzw. fliegen. Ich hatte nichts – Mobilfunk gab es noch nicht – außer einer Telefonnummer unserer Partnerfirma in Japan und den Namen Takahashi, von dem es vermutlich wohl weit mehr als nur einen in Japan geben wird. Ich kam also am Flughafen Narita an und mir wurde ziemlich schnell klar, dass dieser Flughafen etwas größer als der Flughafen Bremen ist. Ich ging zur Passkontrolle und immigrierte. Ein freundlicher Beamter nagelte mir dazu einen Stempel in meinen Pass und dann ging es weiter zum Gepäck. Vom Gepäckeinsammeln ging es zum Zoll und dahinter – Ja, dahinter, da ging eine große Schiebtür auf und ich blickte in eine Halle voller Japaner und Japanerinnen. Das Einzige was ich sah, waren diese aberhunderte von Köpfen, die alle dichte schwarze Haare hatten und beabsichtigten irgendwen abzuholen. Na toll, dachte ich, und nun? Aber dann keimte Hoffnung in mir auf. In der riesigen Menge von Japanern hielt ziemlich weit hinten einer einen A200-Prospekt in die Höhe. Dazu muss man wissen, dass die Firma Sonnenschein in den siebziger und achtziger Jahren die ganze Welt mit dryfit-Batterien verseucht hatte und der Renner weltweit neben unserer A600 die A200 war. Also war das mein Mann, mein Takahashi. Ich wühlte mich erleichtert durch die Menge zu ihm hin und wir gaben uns landesuntypisch die Hand. Das verband uns dann über eine lange Zeit. An sich war an der Reise wenig aufregendes, die üblichen Besuche bei Kunden, ein paar technische Präsentationen und ein Besuch bei einem Golfclub der auch Golf-Trolleys herstellte und dort unsere A200 einbaute. Bei unserem Besuch stellte sich heraus, dass die irgendein Problem mit der Batterie hatten, woraufhin ich einen der Trolleys auseinanderbaute und das Problem lösen konnte. Das der depperte Ingenieur aus Deutschland sich nicht zu fein war selber zu schrauben, hat die Frau Präsidentin des Ganzen so beeindruckt, dass sie Takahashi und mich zu einer Runde Golf einlud. Nix Platzreife, oder können die spielen? Einfach die Freigabe der Herrin vom Ganzen den Platz zu ruinieren. Also sind wir zu dritt losgezogen, der Verkaufsleiter für die Trolleys, Takahashi und ich. Wir haben uns blamiert, denn der Verkaufsleiter spielte auch kein Golf. Wir haben uns 9 Loch lang über uns selbst und den jeweils anderen kaputtgelacht, so etwas verbindet. Nur eines blieb mir, der Ball, den habe ich durchgebracht und er liegt immer noch in der Vitrine mit den Kameras.
Jahre später musste ich nach Japan, weil wir eine Reklamation bei der Eisenbahn hatten. Denen flogen unsere Batterien um die Ohren. Wir hatten da einen netten kleinen Serienfehler eingebaut der die internen Zellenverbinder langsam durchkorrodieren ließ, was dann bei Strombelastung irgendwann zum schmelzen der restlichen verbliebenen Verbindung führte und dann zur Funkenbildung, was wiederum das Wasserstoffgas in den Zellen zündete – soweit die technische Kurzform. So eine Reklamation ist nicht angenehm. Dem Kunden zu erläutern warum das passiert ist das eine, das andere ihm glaubhaft zu machen, dass man diesen Fehler mittlerweile zur Gänze abgestellt hat. Und genau das war der Haken bei dem Besuch bei der Eisenbahn. Das Meeting fing damit an, dass wir in einen Besprechungsraum geführt wurden in dem mein Takahashi und ich einer Meute von – ich habe sie dann im Verlauf des Meetings gezählt – sage und schreibe 22 Japanern gegenübersaßen, deren erklärtes Ziel es war, uns nach aller Möglichkeit und unter keinen Umständen zu glauben. Ich dachte, „fehlt nur noch einer der mit einem scharfen Schwert auf einem Kissen hereinkommt und ich muss hier Harakiri machen“. Die haben mich auseinandergenommen, mein lieber Kokoschinski. Eine meiner unangenehmsten Eigenschaften ist es, trotz meines ansonsten durchaus aufbrausenden Wesens, in Krisensituationen immer ruhiger zu werden. Meint, wenn es wirklich brenzlig und unangenehm wird, dann werde ich immer ruhiger und zäher. So machte ich denn über Stunden immer wieder mit technischen Argumentationen deutlich, dass wir die Sache voll im Griff hatten. Ich verkaufte unsere 90 Prozent also als 99,9999 Prozent. Schließlich – so empfand ich das immer – wurde ich erstens dafür bezahlt und zweitens arbeiten in einer Fabrik des eigenen Arbeitgebers Ja auch noch andere Menschen, die durchaus erwarten dürfen, dass der Abgesandte sein bestmöglichstes dafür gibt, dass das auch so bleibt. Am Abend sind Takahashi, ein Kollege von ihm, sein Chef und ich dann essen gegangen und danach in eine Bar – also eine Bar nach internationalem Verständnis, also nicht Kaiserstraße in Frankfurt am Main. In der Bar kam dann die unvermeidliche Flasche Whiskey auf den Tisch und wir laberten was das Zeug hielt. Die erste Message war die, dass wir uns so schlecht nicht geschlagen hatten bei der Eisenbahn. Die zweite Message von Takahashis Chef war versteckt in Geschichten über Reklamationen. Eine davon war die eines namhaften deutschen Antennenbauers. Der hatte einem Automobilhersteller bei ein paar 1000 Teilen ein paar schlechte geliefert und wurde zum Rapport bestellt. Man testete die ganze Charge durch und fand neben den zwei schlechten noch weitere fünf. Die Untersuchung ergab ein abstellbares Fehlerbild und es wurden Abstellmaßnahmen definiert. Der Automobilhersteller gab dann dem Lieferanten zu verstehen, dass man sehr wohl wusste das 7 Teile defekt waren, weil man die ganze Charge selber auch durchgetestet hatte. Somit war klar, hätte der Lieferant die gefunden Teile verschwiegen, hätte der Kunde gewusst, dass er belogen wird. Lektion 1: „sag die Wahrheit“! Darüber hinaus hatte der Lieferant sich überlegt welche Ursachen im Herstellungsprozess zu dem Fehlerbild führen könnten und somit nicht nur eine Abstellmaßnahme zur Ursache (kausales Denken) des aufgetretenen Fehlers definiert, sondern noch zwei zusätzliche Maßnahmen zur Vermeidung einen solchen Fehlers in der Zukunft. Als ich die Story verarbeitet hatte, wurde mir klar wie die Japaner schnell hohe Zuverlässigkeiten erreichen. Wir brauchen für 3 Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung (-sicherung) 3 Fehler, der Japaner weniger als 3. Lektion 2: „Denke wie ein Japaner“! Jahrelang habe ich versucht unseren „Qualitötern“, also Qualitätssicherern das vorzubeten, musste allerdings feststellen, dass die ob ihrer Zahlen- und Statistikverliebtheit völlig resilient sind, was einsichtiges Denken betrifft – einzige Ausnahme mein ehemaliger Chef Ludwig Krausch.
Aber der Anlass welcher die Reise mit Takahashi dann berichtenswert macht ist, dass wir in Yokohama einen schon pensionierten älteren Herrn in seiner Privatwohnung besuchten, der auf dem Dach des Gebäudes eine kombinierte Solar- und Windkraftanlage im Verein mit unserer A600solar betrieb. Wir werteten also mit ihm seine Ergebnisse aus und dann schlug er vor, wir sollten doch bleiben statt ins Hotel zu fahren. Ich merkte, dass meinem Takahashi die Idee ganz gut gefiel, weil er erstens noch kein Hotel gebucht hatte und zum Zweiten, weil er neidisch auf den Whiskey schielte den der alte Mann – ich glaube sein Name war Kintomo – und ich schon genossen. Eigentlich ist so etwas nicht mein Ding, aber der Höflichkeit halber bedeutete ich Takahashi er solle das entscheiden. Also entschied er und der alte Mann bestellte Essen und noch mehr Whiskey. Nach dem Essen, der gute Mann hatte mittlerweile auch was intus und Takahashi und ich waren jung, er nicht, fing der alte Mann an deutsch mit mir zu reden. Ich war völlig gebügelt, was soll man da auch sagen. Es stellte sich dann heraus, dass sein Vater 1936 Botschafter in Berlin war und er in Berlin deutsch gelernt hatte. Das Leben ist doch wirklich wie eine Wundertüte, es gibt immer Überraschungen. Nach dem der Whiskey alle war ging es an das Zubettgehen und man bedeutete mir wir müssten alle noch baden bevor wir uns hinlegen. Meine zarten Einwände eine Dusche täte es doch auch, akzeptierten die Beiden nicht. Da die Reihenfolge des Badens nach buddhistischen Gesichtspunkten erfolgt, badete der Alte zuerst, dann Takahashi und dann erst war ich dran. Ich stellte dann fest, dass man das Badewasser – „Ökomantiker“ freut Euch – dabei nicht wechselt, sondern man in einer Brühe mit den Haaren – welche auch immer das sind – der Vorgänger sitzt und badet. Ich hielt dann so 8 Minuten durch, dann war mein Kontingent an Höflichkeit aufgebraucht. Nach dem Baden gingen wir dann in das Schlafzimmer des Mannes und dort war ein Fußboden und ein Kleiderschrank. Von irgendwoher tauchten dann eine dünne Reismatte, ein etwa 20 mal 15 cm großes mit Reis gefülltes Kissen und eine Wolldecke für jeden auf. Die Reismatten wurden im Spalier nebeneinander aufgereiht und wir schliefen und schnarchten dann da dicht an dicht.
Mein Fazit zu Japan ist und bleibt, kann man machen, muss aber nicht. Ich finde und fand es dort immer irgendwie anstrengend. Will mich jemand nach Japan schicken um etwas zu klären, zahlt er entweder im Voraus ein ordentliches Schmerzensgeld an mich aus, oder fährt selber hin!

Mein-erster-Golfschlag-1993-Japan

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Categories: 我的金瓶梅

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