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Zivi

Irgendwann wurde ich ein Zivi, präzise gesagt gleich nach dem Abitur. Mann das war spannend. Zunächst ging ich zum Frisör und ließ mir meine Mähne abschneiden. Dann trat ich meinen Dienst an. Mein Brötchengeber hieß „Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband“, abgekürzt: DPWV. An diesem Verband war nichts paritätisch, nicht hatte mit Wohlfahrt zu tun, Verband bezieht sich auf eine juristische Person und deutsch, na ja, Ausländer beschäftigte man nur in der Putzkolonne. Dieser Verband ist der Hauptgrund warum ich nichts, nicht eine müde Mark, für nichts aber auch gar nichts spende. Die Brüder habe ich kennengelernt.

Ich arbeitete in einer Behindertendruckerei, der Alte hieß Picard (deutsch ausgesprochen: Pikkart), nur leider war ich nicht auf dem Raumschiff Enterprise sondern wieder auf einem Sklavenschiff gelandet. Der Unterschied zu meiner Lehre bestand schlicht darin, daß ich nicht mehr zur niedersten Schicht der Sklaven gehörte. Nein, ich war befördert worden, zum Unteraufseher. Im Konzertlager hätte ich Kapo geheißen. Ich beaufsichtigte jetzt geistig und körperlich behinderte Menschen. Bis heute weiß ich nicht warum wir Menschen die ein wenig anders sind, also ein Handicap haben, als Behinderte bezeichnen – die waren nicht behindert. Nur weil einer im Rollstuhl sitzt ist er doch nicht behindert. Behindert sind die Idioten, welche die Bürgersteige so bauen, daß der Rollstuhlmensch nicht allein drauf fahren kann. Die gehören Ihres Berufes entzogen und als gemeingefährlich in die Anstalten gesteckt, in denen wir unsere sogenannten Behinderten verwahren. Ja, lesen Sie es ruhig, verwahren.

Wer immer über Euthanasie labert ist ein ahnungsloser Idiot. Wer je erleben darf wie eine sogenannte Schwerstbehinderte, spastisch gelähmte, Freude und Leid empfinden kann, der wird das Wort Euthanasie für immer aus seinem Sprachschatz streichen.

Also wieder auf dem Sklavenschiff. 8 Monate habe ich in dieser Druckerei gearbeitet, als Kapo. Ich habe viel gelernt für mein Leben und oft auch sinnvolle Dinge getan, mit und für die Behinderten. Mein Highlight war mit 7 von den unterschiedlich gehandicapten Jungs für 10 Tage als Betreuer eine Freizeit mitzumachen. Drei Gruppen waren wir. Eine Blindengruppe, eine Taubstummentruppe und meine Jungs als dritte Gruppe. Wir fuhren nach Schloß Dankern und ich wohnte mit meinen Schutzbefohlenen in einer Hütte. 10 Tage Streß, da lernt man Verantwortung zu übernehmen und nicht nur darüber zu labern. Da erlebt man Sachen, die wenn sie nicht ins Auge gingen, eigentlich ganz lustig sind. Einer meiner längst erwachsenen Jungs, die meisten waren wesentlich älter als ich, machte einen anderen, der auf Grund seiner Erkrankung keinen Tropfen Alkohol vertrug, mit drei Bier besoffen. Der Betrunkene ist dann ganz gemütlich auf  ein riesiges Klettergerüst rauf und drauf lang gelaufen, daß war so eine Art Hängebrücke. Wir, der Rest, saßen gemütlich beim Nachmittagskaffee draußen. Der Taubstummenbetreuer, Conni, kriegte auf einmal glasige Augen und ich drehte mich um und sah das Desaster. Also bin ich hoch, losgerannt, einen Satz über Hecke 1, einen weiteren über Hecke 2,  dann durch 15 m Sand und rauf auf das Gerüst. Spätestens hier hätten die Ledernacken nur noch gestaunt – damals hatte ich keinen Bauch und war fit. Ich erreichte meinen Bernie kurz bevor er durch ein fehlendes Brett in der Hängebrücke abzurauschen drohte. Ich sackte ihn ein, d. h. ich warf ihn über die Schulter und brachte ihn ins Bett. Als ich zur Kaffeetheke zurückkam schaute mich Conni an, nickte und gab mir einen Schnaps.

Nach 8 Monaten auf dem Sklavenschiff wechselte ich dann, wenn auch ein wenig wehmütig, in den Fahrdienst, denn da fehlte ein Ortskundiger und ich fuhr schon seit Wochen Aushilfe (Überstunden) für die. Der Alte, ein Pfundskerl, war echt in Ordnung. Wer seinen Job anständig machte, hatte Narrenfreiheit. Mein Boß haßte Papierkram, also machte man einmal die Woche abends den ganzen  Papierkram, ohne über Zeit oder Stunden und so zu reden. Dafür konnte man im Gegenzug die Mittagspause ein paar Minuten länger machen und so weiter.

Den Schock kriegte der Alte dann nur als er eines Tages zu mir sagte: „ich verstehe nicht, warum ihr Zivi´s im Winter vom Internat schneller zurück seid als im Sommer!“

Meine Antwort haute ihn dann um, sie war nämlich ehrlich.

„Im Sommer fahren wir durch die Stadt und im Winter über die Autobahn.“

„Wieso?“

„Weil im Winter die Mädchen Mäntel tragen und im Sommer kurze Röcke!“

Ich glaube das er erst dachte ich wollte ihn veralbern, aber dann begriff er das ich die Wahrheit sagte. Ich gebe es zu, wir waren alles Chauvinisten, bis auf jene, die Martin hießen. Es war wahr, im Sommer fuhren wir gemütlich und langsam mitten durch die Stadt und schauten genüßlich den Röcken hinterher, während wir im Winter schlicht über die Autobahn außen herum bretterten.

Wenn es im Sommer fürchterlich heiß war, badete ich auf der Rückfahrt meiner Mittagstour einfach nackt und illegal in einem Trinkwassersee. Herrlich war die Zeit.

Der alte war echt in Ordnung, hatte es aber auch dick hinter den Ohren, denn ab und an kriegte er einen Austicker. Eines Tages fuhr ich mit ihm zum VAG Händler, d. h. ich fuhr ihn mit meinem Bus hin und er holte einen anderen Bus, der in der Werkstatt war, ab. Auf dem Rückweg fuhren wir hintereinander her. Ich vorne, er hinter mir. An einer roten Ampel stand ich als erster, er logischerweise als zweiter. Plötzlich sehe im Seitenspiegel wie er aussteigt und zu mir vor gelaufen kommt. Ich mache also die Seitenscheibe runter und er fängt an mir einen Witz zu erzählen. Erst dachte ich: na ja gut, der kann ja nicht so lang sein. Doch der Witz war alles andere als kurz. Mit dem rechten Auge schielte ich immer Richtung Lichtsignal und mitten in seinem schönen Witz wurde es gelb. Es wurde dann auch grün. Ich sagte: „es ist grün“. Davon ließ der Mann sich nicht beirren. In aller Ruhe dieser Welt erzählte er seinen Witz. Hinter uns fing es dann an zu hupen. Er erzählte seinen Witz. Das Hupen wurde langsam mehr und agressiver. Irgendwann war der Witz dann zu Ende. Ich lachte, kam gerade noch bei gelb über die Ampel und sah wie er langsam und gemächlich zu seinem Bus zurückging. Hinter mir ließ ich den Alten, der in sich hineingrinste und grob geschätzt 3 paranoide Menschen und 5 leichte Herzanfälle. Der Mann hatte Nerven.

Categories: 我的金瓶梅

admin

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