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Klaus Morisse

Nachdem ich irgendwann angefangen habe diesen ganzen Schrott, den ich so verzapfe, aufzuschreiben, wird eines für mich immer klarer. Über unsere Eltern wissen wir oft sehr wenig bis gar nichts. Den Grund glaube ich zu kennen. Wenn in der Familie bei Zusammenkünften erzählt wird, dann wird alles Unangenehme, Peinliche und oder nicht ganz Stubenreine ausgespart. Ich habe immer versucht dies möglichst nicht zu tun, aber unterbewusst macht man es eben doch. Unsere Eltern haben meist, wenn es um Familiengeschichten ging, über Ihre eigenen Eltern und Großeltern gesprochen und mich beschleicht hier das Gefühl über meine Großeltern unter Umständen mehr zu wissen, als über meine eigenen Eltern.

Meiner Oma väterlicherseits z. B., Josephine – schöner Name, fast so schön wie Anna – fielen beim Rommé immer die Karten runter wenn es zum Hand bei ihr passte. Woraufhin der Rest der Belegschaft schon mal berechnete wieviel Punkte jeder auf der Hand hatte. Wenn meine Oma also ihre Karten endlich offengelegt hatte, war das Zusammenrechnen praktisch schon erledigt.

Was weiß ich nun z. B. über meine Mutter und meinen Vater? Über meinen Vater kenne ich meist auch nur die Geschichten, die wieder mit anderen aus der Familie zu tun haben, also oft mit seinen Eltern. Bei meiner Mutter liegt der
Fall irgendwie komplizierter, weil die erste Ehe meiner Großmutter Metha geschieden wurde und sie dann mit dem SA-Führer (s. dort) erst in wilder Ehe gelebt hat, um ihn dann erst später zu heiraten. Ergo sparen meine Mutter und Ihre Schwester, meine Tante Käthe, so einiges aus. Ich will damit nicht unterstellen sie täten das absichtlich, eben aber unterbewusst. Warum soll man anderen auch die unschönen Geschichten erzählen, wenn es so viele schöne gibt über die man gemeinsam lachen kann.

Vor ein paar Wochen habe ich endlich ein seit Jahren gegebenes Versprechen eingelöst. Ich habe meine Tante Käthe und meinen Onkel Gustl (s. Mein Onkel Gustl…) in Rinteln besucht. Ich habe immer gesagt, wenn ich in die Gegend komme… Ich kam in die Gegend, weil ich dort übernachten musste. Also bin ich zum Abendessen hin. Auch meine Cousine „Caro“ für Caroline habe ich bei der Gelegenheit wiedergesehen – schön. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten und als der Abend später wurde und ich auch irgendwann mal aufbrechen musste, erwähnte meine Tante plötzlich, bei einem Schwank aus ihrer Jugend, einen gewissen Klaus Morisse und wie verliebt sie als 14 oder 15-jährige in den gewesen sei.

„Aber den hat Deine Mutter“ – dann wohl 16 oder 17 – „mir ja ausgespannt“, meinte sie.

Ich sagte daraufhin, sichtlich ohne Luft zum sprechen: „waaas“?

„Ja, nicht so wie Du denkst, aber in den war sie wirklich verliebt, er war ihre große Jugendliebe und ist dann aber nach Amerika ausgewandert“.

Da saß ich nun, und fragte mich, was ich eigentlich über meine Mutter weiß. Augenscheinlich so etwas wie: gegen Null. Natürlich hat meine Mutter so etwas nie erzählt. Warum und wieso sollte sie auch? Ich habe mal im Beisein meines Sohnes mit meiner Frau über die Frau vor meiner Frau gesprochen. Man kann sich kaum vorstellen, wie peinlich berührt der Junge war. Davon wollte er nichts hören – der Gedanke ich könnte eine andere haben machte ihm Angst. Und so schützen wir unsere Kinder in dem wir Ihnen nur die positiven Geschichten erzählen, die negativen, peinlichen aber unterschlagen wir, obwohl auch die manchmal einiges Potential zum nach-, um- und überdenken haben.

Nachtrag: Morisse gibt es viele in und um Bremen. Das Auswandererarchiv Bremerhaven verzeichnet in der Onlinsuche keinen Klaus Morisse.

Categories: 我的金瓶梅

admin

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