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Was die Abtragung einer Schuld und Egon alias Jean Hartmann verbindet

Es geht um den Halbbruder meiner mir von unserem Multiversum anvertrauten Gattin. Halbbruder ist schon fast ein wenig „wenig“ treffend formuliert, da der Buder meiner geliebten Frau nur fast zwanzig Jahre älter war als sie. Egal, besagter Jean Hartmann hat durchaus seine Geschichte verdient. Der Gute war Ende der fünfziger Jahre abgehauen, er war eines Tages weg. Gerüchte besagen, dass er und ein Kumpel mit irgendwas wie einer scharfen Waffe rumexperimentiert haben und sein Freund verletzt wurde. Jedenfalls war der gute Jean Hartmann – geboren 1935 als Egon Hartmann in Leisel im Hunsrück – abgehauen. Nach drei Monaten erhielt die Familie eine Karte auf der stand, dass besagter Jean – also mein Schwager, oder Halbschwager, ich empfehle hierzu auch die Geschichte des Dreiviertelnegers -in der Fremdenlegion gelandet war. Als wir auf unserer Hochzeitsreise dem guten Jean und seiner Frau Paulette, einer Elsässerin mit fünf Kindern aus erster Ehe, einen Besuch abstatteten, lernten wir dann wie man im Elsass die Tage verbringt. Man macht alles was man überall auf der Welt auch macht, bis zum Abendessen allerdings nur. Während und danach lebt der Elsässer, er lebt, er lässt den Tag verklingen. Das haben wir dann so übernommen und leben es immer noch genauso. In der Wohnung herrschte französischer Plüsch, haufenweise Plüsch, vom Sofa bis zu den Vorhängen. Außerdem hingen an der Wand zwei Gewehre über Kreuz, darüber gehängt ein doppelter – leerer – überkreuzter Patronengurt und das ganze Arrangement wurde von einem Tropenhut gekrönt. Am zweiten Abend, nach besagter Zelebration des Abendessens, saßen wir bei diversen Gläsern Wein – sämtliche Flaschen nicht etikettiert – und, so vermute ich, wahrscheinlich auch unversteuert, in der Plüschgarnitur und ich traute mich mal nach dem Arrangement zu fragen. Das der gute Jean 15 Jahre in der Legion gedient hatte wusste ich, dass er Sergeant war nicht. Jedenfalls klärte er uns auf, dass die Patronengurte und der Hut, sowie eines der Gewehre aus dem Algerienkrieg stammten, an dem er die hohe „Ehre“ hatte teilzunehmen. In einer Vitrine ganz oben thronte noch das Képi Blanc der Legionäre ganz in weiß, sauber, wie gewienert, passend zur Paradeunform für die jährlichen Treffen der Veteranen. Jean erzählte ein wenig von der Zeit in der Legion, dass er dabei war als die Legion in Dschibuti die Flüchtlinge rausholte, in Indochina (Diên Biên Phú) und Algerien gekämpft hatte. Es stellte sich auch noch heraus, dass er das Croix de la Guerre erhalten hatte, weil er und ein paar andere zusammen in Indochina einen Offizier, dessen Leichnam sie nicht liegen lassen durften, auf dem Rückzug tagelang in einer Zeltplane durch den Dschungel zum Evakuierungspunkt geschleppt hatten. Wenn ich mir das heute nochmal so vorstelle, dann denke ich, der muss mindestens so gut gerochen haben wie der heilige Bonifaz, als er nach drei Monaten Überführung in Fulda ankam. Irgendwann waren die Frauen müde und er wollte mit mir noch einen Schnaps trinken. Man kann einem Schwager, der sehen will ob der Typ der seine Halbschwester geheiratet hat, ein Aufrechter oder eine Nulpe ist, schwerlich sagen, dass man entgegen dieser Einladung ins Bett will – Hormone hin oder her. Also tranken wir, wie es sich so ergibt ein paar Schnäpse mehr als den Einen. Irgendwann wurde der gute Jean warm und verschwand kurz um mit einer Kiste Bilder zurückzukehren. Dann holte er Bilder raus und zeigte mir Bilder aus Vietnam, aus Dschibuti und aus Algerien. Die aus Algerien veranlassten mich dann zu fragen ob die da in der Kaserne echt auf einer Decke auf dem Sandboden schlafen mussten. Da lachte er und meinte, das sei keine Kaserne gewesen, es sei ein Straflager gewesen, in dem er mit ein paar anderen 3 Monate einsaß, weil die Truppe des Nächtens unerlaubt die Kaserne für einen Puffbesuch verlassen hatten. Oh Mann, dachte ich, was sind wir doch alles für Weicheier heutzutage. Die Frage nach der Munition für die Flinten beantwortete er sehr französisch damit, dass er selbstverständlich Munition für die Dinger hätte, die aber nicht im Patronengurt offen herumhängen haben will. Auf jeden Fall hatten wir einen schönen Abend.

Am nächsten Abend stand dann ein Besuch bei einer Familie an, die an irgendeinem See zwischen drei Bergen südlich von Straßburg mit diversen Hunden, einem Papagei, einem Affen und anderem Getier hausten. Wir also mit Paulettes Käfer da hin, die beiden vorne, meine Frau und ich hinten. Die beiden Frauen meinten – meine Frau war dort schon als Kind mit ihrem Vater und Jean des Öfteren zu Besuch gewesen – egal was passiert, essen würden sie da nichts. Es kam wie es kommen musste, es gab was zu essen. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn der Affe kurz unterhalb der niedrigen Decke hin und her schwingt und der Papagei während des Essens irgendwo auf den Esstisch kackt, aber das tut dem Geschmack der Wurst 20 Zentimeter weiter Ja keinen Abbruch, also aßen Jean und ich, die Frauen nicht. Getrunken wurde wieder Wein und später Mirabellenschnaps, logischerweise alles aus nicht etikettierten Flaschen, der Elsässer kaufte damals noch nicht bei der Cora ein, sondern beim Nachbarn. Irgendwann fing einer der Köter – ein lästiges hässliches Vieh – an sich an mir zu vergreifen. Nun ist es so, dass ich Hunde hasse. Noch schlimmer wird es, wenn der versucht mir in die Waden zu beißen. Normalerweise hätte ich das Vieh saftig getreten und die Sache wäre erledigt gewesen. Aber als Eingeladener, noch dazu als Deutscher im Elsass? Schlecht, wirklich ganz schlecht. Der Jean, der hat das jedenfalls gemerkt und mir bedeutet ich soll der Thöle Eine geben. Ich habe dann leicht mit dem Kopf geschüttelt und auf die Hausherrin gedeutet. Ein paar Augenblicke später war der dämliche Köter dann dem Jean in Reichweite geraten. Ich schwöre, ich habe nichts gesehen, keine Bewegung, keine Veränderung in der Mimik, kein Zeichen in den Augen und kein Zucken. Dann jaulte die Thöle plötzlich gequält auf und haute ab. Der Hund ist den ganzen Abend nicht mehr zum Tisch gekommen und ich habe bis heute keine Ahnung was der alte Soldat gemacht hat. Das Beste des Abends aber war die Rückfahrt. Ich konnte damals eine ganze Menge vertragen, war aber sturzbesoffen von der Mirabelle – die bis heute der einzige Schnaps geblieben ist, den ich ggf. überhaupt mal trinke. Der gute Jean hatte mindestens genauso viel intus und fuhr mit dem Käfer wie ein Berserker über den Schneebelag auf der Straße den Berg nach Straßburg runter. Eines weiß ich, wer das überlebt, der überlebt alles.

Aber irgendwann musste auch Jean Hartmann sterben. Das hat mir und meiner Frau eine Beerdigung zukommen lassen wie wir sie nie zuvor oder danach erlebten. Das Ganze fing damit an, dass wir uns alle bei Guy seinem Ältesten angeheirateten trafen und da erstmal alle saßen. Die Frauen weinten und wir Männer hingen unseren Gedanken nach. Irgendwann kamen Gudrun, die Halbschwester meiner Frau und die jüngste der vier Halbgeschwister meiner Frau aus der ersten Ehe ihres Vaters, und meine Frau auf die Idee, dass sie den Jean nochmal sehen möchten. Wir fragten ob das möglich sei, und Ja, die Leichenhalle sei offen. Mein Schwager Alois – Jean nannte ihn immer ob seiner Religiosität Aloisius – ging in Deckung, so etwas war – er ist auch schon nicht mehr da – seine Sache nicht. Er meinte er würde dann auf unseren Sohn, in der er ganz vernarrt war, aufpassen und ich führe die Frauen zu ihrem Bruder. Ich also mit den beiden los. An der Leichenhalle fand ich dann so etwas wie einen Küster – keine Ahnung ob das in Frankreich auch so ist wie bei uns. Ich kramte dann mein Schulfranzösisch raus und fragte, wo wir Jean Hartmann finden. Der vermeintliche Küster sagte nur etwas wie : „ah, Monsieur Hartmann, il est là, à droite, dans la coin “. Die Leichenhalle war in etwa so groß wie eine Turnhalle mit einer auf 2 ½ Meter abhängten Decke. Wir gingen vorne links rein und besagte Ecke war hinten rechts. Also bin ich mit den Frauen in die Halle, durch einen ganzen Haufen Särge hindurch marschiert, bis hinten in die Ecke. Da lag er dann in der schmucklosen Ecke im offenen Sarg und die Frauen weinten. Das nimmt einen ganz schön mit, aber ich habe das für die beiden gerne getan. Danach war dann, bevor es zum Friedhof ging,  die Trauerfeier in der Kirche. Erst lief alles ganz normal, aber dann ging die Tür auf. Die Legionäre stürmten die Kirche. Die trugen Fahnen, Frankreich, das Bataillon und ein Kissen mit dem Croix de la Guerre. Damit nicht genug, enterte ein Trompeter die Kanzel und blies Abschied – coup d’adieu. Das haut rein kann ich sagen, da schießen einem aber auch die Tränensäcke voll und schwellen an. Das geht durch Mark und Bein – religiös oder nicht. So liegt denn der gute Jean heute zwischen vielen anderen Legionären auf dem Cimètiere Sud in Straßburg. Das war die Geschichte von Jean Hartmann, die war ich ihm schuldig.

Jean-Hartmann

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Categories: 我的金瓶梅

admin

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