Menu Home

Was ein Betrunkener mit Lochen und Heften zu tun hatte

Viel mir so während eines Gesprächs mit meiner mir von unserem Multiversum anvertrauten Gattin ein. Während unseres Umzugs habe ich, zwischen all dem Chaos auf meinem Schreibtisch, noch Ablage von einigen Papieren gemacht und dabei in Anspielung auf den Beruf des Kaufmanns, und weil mir kurz vorher etwas Handwerkliches fast aus dem Ruder gelaufen war, gesagt: „lochen und heften, das kann ich“. Da viel mir der Betrunkene ein. Bevor wir zu dem Betrunkene kommen, noch zum zweiten Protagonisten dieser Geschichte. Als ich in der Lehre zum Industriekaufmann war – Neusprech: Ausbildung – also damals auf der Galeere namens Woldemar, da hatten wir im Verkauf so ‘nen ganz obercoolen Typen, der im Prinzip meinte, er könne ohnehin alle besser als die Kollegen. Das Beste an dem Mann war, dass er mit dem Namen Speth gesegnet war und das nun einmal wie „spät“ ausgesprochen wurde. Der Gute kam mitnichten zu spät, er war eher der pünktliche Typ, aber wenn ein Kunde am Telefon seinen Namen nicht richtig mitbekam, dann sagte er immer:
„spät, wie die Uhrzeit!“ Das hat mich immer schon gewurmt, solche Sätze sind im Neudeutschen ziemlich suboptimal. Die Uhrzeit kann nicht früh oder der spät sein. So suggerierte er der Person am anderen Ende Leitung, sein Name sei Spät und nicht wie tatsächlich Speth. Hin oder her, eine linke Bazille war er außerdem. Irgendwann belaberte er mich in der Mittagspause Schach zu spielen. Das entpuppte sich aber als sehr suboptimale Idee, denn er verlor. Jede Partie, da war dann schnell Schluss mit dem „schachen“. Zum Dank dafür das ich ihm seine Grenzen aufgezeigt hatte, machte er mich dafür dann beim Alten schlecht, wie ich später herausbekam. Zu allem wirklichen Überfluss stieg er dann auch noch mit einer Auszubildenden zur Bürokauffrau – Mädchen durften Ja nur Büro – im zweiten Lehrjahr in die Kiste, ließ sich scheiden und hat die wenig gut Aussehende dann später sogar geheiratet. Meine gerade durchgeführte Recherche zeigt, dass er mittlerweile in Emden auf dem Friedhof liegt, oder wie wir da oben sagen, „der ist auf Tholenswehr. Heute muss ich darüber lachen, ich bin, da wo ich bin, glücklich, wer weiß, hätte ich nicht mit ihm Schach gespielt wäre mir dieser Fehler vielleicht mit einem Kollegen in einer späteren Firma unterlaufen und niemand kann wissen, was das dann für Auswirkungen gehabt haben könnte.

Aber nun wirklich zu dem Besoffenen. Ich war im zweiten Lehrjahr und saß am Empfang mit Kasse für die Barverkäufe. Deren hatten wir nicht viele, aber der Alte beharrte darauf, dass wir den Barverkauf hatten. Ich saß am oberen Ende der Treppe vom Eingang hoch in meinem Aquarium, da torkelte der Besoffene hoch. Der Typ war locker einen Meter und Achtzig hoch und wog sicher seine 90 Kilogramm. Er parkte sein Gesicht vor meiner Scheibe und lallte gerade noch verständlich:
„5 Kilo Salzgeringe“. Es entspann sich dann das übliche Gespräch zwecks Zahlung, deutlich erschwert durch die schwere Zunge des Mannes, aber durch hartnäckiges beiderseitiges wiederholen bekamen wir das dann hin. Als der eigentliche Bezahlprozess beendet war, deutete er auf die Tür zu meiner rechten, die zur linken ging in die Buchhaltung und zum Alten, die rechte in den Verkauf und fragte was da denn sei. Ich sagte ihm, er müsse die Treppe runter zur Betriebsleitung und den Eimer mit den Heringen da abholen, aber der Mann wollte unbedingt durch diese Tür. Vermutlich spornte ihn das Schild „Unbefugter Zutritt verboten“ geradezu an. Verhindern konnte ich sein Eindringen dann nicht mehr, weil ich Ja erstmal aus dem Aquarium rausmusste. Er drang also in das große Verkaufsbüro ein und traf – sonst wäre der Bezug dieser Geschichte jetzt auch im Einer – Ja auf wen wohl? Genau, auf Speth wie die Uhrzeit. Der war gerade mit Ablage beschäftigt, heißt er machte Löcher in DIN A4 Papier und verstaute die so misshandelten Seiten in Leitz-Ordnern. Der Betrunkene hatte eine deutlich bessere Menschenkenntnis als ich und verliebte sich sofort in Speth wie die Uhrzeit. Dann entspann sich ein Dialog der sich in diversen Schleifen immer wieder wiederholte. Der Betrunkene nuschelte:
Was machste denn da? Speth wie die Uhrzeit daraufhin:
„Siehste doch, ich loche und hefte.“
„Kannst’e auch noch was anderes, als lochen und heften?“
“Nee nur lochen und heften.”
Mir war schon klar, der Speth wie die Uhrzeit hatte schiss, dass der Besoffene eine Schlägerei anzettelt und er was auf’s Zifferblatt kriegt. Mir war der gleiche Gedanke auch schon gekommen, aber Wasserballer haben nun mal keine Angst davor, dass die Nase mal wehtut. Ich ging also dazwischen, bekam den Typ dann wieder raus aus dem Büro, die Treppe runter verpasste ihm seinen 5 Liter Plastikeimer mit Salzheringen und beförderte ihn dann vor die Tür, wissend, dass auch ich ein Locher und Hefter bin.

Categories: 我的金瓶梅

admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.